Stunden harter Arbeit
Ich war noch nie ein Freund von Prüfungen. Besonders bei Sprachen halte ich es für wenig sinnvoll, Lernende durch ein starres Verfahren zu schleusen, nur um ihren Wissensstand festzulegen. Ist das wirklich wichtig? Wozu soll das gut sein? Man darf hier gerne anderer Meinung sein als ich, aber für mich bleibt dieser gesamte Vorgang widersinnig.
Wir alle haben sicher schon Menschen getroffen, die eine Urkunde über ihre Sprachkenntnisse vorzeigen konnten, deren tatsächliche Fähigkeiten jedoch weit hinter dem zurückblieben, was auf dem Papier stand. Wie kann das sein? Wie ist es möglich, dass jemand eine Prüfung besteht, aber im echten Gespräch kein Wort herausbringt?
Die Antwort liegt im Unterschied zwischen Wissen und Können
Falls du dir diese Frage auch schon gestellt hast, ist hier die Antwort: Eine Prüfung ist oft nichts weiter als eine Momentaufnahme unter künstlichen Bedingungen. Viele bereiten sich zielgerichtet nur auf die Art der Fragestellungen vor, anstatt die Sprache wirklich zu leben. Sie lernen Regeln auswendig, ohne ein Gefühl für die Schwingungen und Feinheiten der Zwischenmenschlichkeit zu entwickeln.
Das Geheimnis hinter der Urkunde
Alle Sprachprüfungen folgen einem strengen, festgelegten Muster. Sie werden nach einem festen Plan durchgeführt, bewertet und gedeutet. Das bedeutet im Umkehrschluss: Eigentlich kann jeder diese Prüfungen bestehen, sofern er das dahinterliegende Schema durchschaut hat. Es ist ein wenig wie das Lösen eines Rätsels, bei dem man lediglich die Spielregeln kennen muss.
Sprache besteht zu einem großen Teil aus sich wiederholenden Redewendungen und festen Bausteinen. Um sich in einer Sprache wirklich sicher zu fühlen, reicht es nicht aus, diese Wendungen nur gelesen oder passiv verstanden zu haben. Man muss sie selbst anwenden, sie aussprechen und sie so oft benutzen, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind.
Ich selbst besitze offiziell nur den Nachweis über die zweithöchste Mittelstufe (B2). Ich habe diese Prüfung damals abgelegt, weil ich gesetzlich dazu verpflichtet war. Es war eine notwendige Hürde, um meinen Antrag auf ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland stellen zu können. Wie so viele andere habe ich mich also durch die Aufgaben gekämpft. Von meiner gesamten Gruppe gehörten lediglich fünf Personen zu jenen, die die Prüfung direkt beim ersten Versuch bestanden – ich war einer davon. Natürlich war ich in diesem Moment glücklich, doch wie ich schon einmal erwähnte: Diese Urkunde war am Ende nur ein Papier für die Behörden.
In meinem restlichen Alltag in Deutschland habe ich diesen Nachweis nie wieder gebraucht. Kein Arbeitgeber und kein Gesprächspartner hat jemals danach gefragt. Meine Erfahrung soll nun keinesfalls bedeuten, dass solche Prüfungen für jeden überflüssig sind – ganz und gar nicht. Doch mein Lehrer sagte mir bereits während des Kurses, dass meine tatsächlichen Fähigkeiten längst weit über die Anforderungen der Prüfung hinausgingen.
Vielleicht war mein Deutsch zu diesem Zeitpunkt schon so sicher, dass die Urkunde für die Schule oder meine Vorgesetzten schlichtweg keine Rolle mehr spielte. Der wahre Beweis war nicht der Stempel auf dem Papier, sondern die Tatsache, dass ich mich fließend und klar verständigen konnte. Ich habe die Sprache nicht nur gelernt, ich habe sie schlichtweg gelebt und gesprochen.
Wie Deutsch zu meinem Alltag wurde
Zu Beginn meines Weges mit der deutschen Sprache war ich fast besessen: Zehn Stunden täglich habe ich gelernt. Auch heute widme ich mich noch immer mit großer Leidenschaft der Sprache, allerdings haben sich meine Wege und Vorgehensweisen gewandelt. Mit dem Beginn meiner Arbeit und der gleichzeitigen Umschulung wurde es zunehmend schwieriger, ein solches Pensum aufrechtzuerhalten. Da ich jedoch nicht stehen bleiben wollte, traf ich eine Entscheidung: Ich band die Sprache so eng wie möglich in mein tägliches Leben ein.
Natürlich verlief das nicht immer geradlinig. Es gab Zeiten, in denen ich viel schaffte, und Tage, an denen die Zeit kaum reichte. Doch das Entscheidende war die Beständigkeit: Deutsch wurde zu fast einhundert Prozent meine Alltagssprache. Trotz meiner Abneigung gegenüber dicken Büchern konnte ich meinen Wortschatz stetig vergrößern. Anstatt Romane zu lesen, die mich oft langweilten, konzentrierte ich mich auf kurze Berichte, Fachbeiträge und alltägliche Texte. Das Lesen wurde so zu einem Werkzeug, nicht zu einer Last.
Ich weiß nicht, welche Erfahrungen ihr bisher gesammelt habt. Doch wenn die Zeit einmal knapp wird und ihr euch bereits sicher in der Mittelstufe bewegt, können euch die folgenden Arbeitsweisen dabei helfen, am Ball zu bleiben:
Meine bewährten Wege zur Sprachfertigkeit:
Gedankliche Unabhängigkeit: Versucht, so wenig wie möglich in eure Muttersprache zu übersetzen. Denkt direkt auf Deutsch.
Sachfilme und Berichte: Schaut euch deutsche Dokumentationen an. Sie vermitteln Fachwissen und einen klaren Wortschatz.
Spielfilme: Deutsche Filme helfen dabei, ein Gefühl für den Sprachrhythmus und den Umgangston zu bekommen.
Tagesgeschehen: Verfolgt die Nachrichten im Fernsehen. Die Sprache dort ist präzise und aktuell.
Handschriftliche Gedanken: Führt ein Tagebuch oder macht euch kurze Notizen auf Deutsch über euren Tag.
Rückblick: Arbeitet regelmäßig mit euren alten Aufzeichnungen, um Gelerntes aufzufrischen.
Schriftlicher Ausdruck: Schreibt so viel wie möglich – sei es eine Einkaufsliste, eine kurze Nachricht oder ein kleiner Aufsatz.
Wissbegierde: Fragt öfter nach! Wer nachhakt, wenn er etwas nicht versteht, lernt am schnellsten.
Lehrfilme nutzen: Schaut euch gezielte Lernvideos an, die schwierige Sachverhalte erklären.
Selbstprüfung: Findet eure eigenen Schwachstellen heraus und sucht gezielt nach Lösungen, um diese auszumerzen.
Ständige Wiederholung: Das Gehirn braucht die stetige Erneuerung der Eindrücke, um Wissen dauerhaft zu speichern.
Mündlicher Austausch: Das Sprechen ist der wichtigste Baustein. Nutzt jede Gelegenheit für ein Gespräch.





