Normaler Job, falsche Bezeichnung
Wenn du ins Ausland auswanderst, ohne konkretes Wissen über das jeweilige Land, wirst du bestimmt einiges erleben. So ging es mir auch. Dass ich als Fachkraft gelte, macht es umso unfassbarer, wie ungeheuerlich der Arbeitsmarkt in Deutschland ist. Ich war echt aufgeregt, als ich meinen ersten Job in Deutschland bekommen habe – es war mir völlig egal, ob es ein beliebter Job war oder nicht. Komischerweise war es mir egal, weil ich kein Verständnis für das Arbeitsrecht in Deutschland hatte.
Es war für mich einfach nur ein Job. Allerdings war das nicht alles. In Deutschland definiert deine Position in der Firma, wie deine Kollegen dich behandeln werden. Krass, oder? Ich wusste das nicht, als ich angefangen hatte, in Deutschland zu arbeiten.
Wenn du meinen Blog über meinen ersten Job gelesen hast, weißt du schon, dass ich im Hotel gearbeitet habe. Ich war eine Aushilfe. Ha ha, nun verstehe ich, was es wirklich bedeutet, eine Aushilfe in Deutschland zu sein. Lass uns mal gucken, was das Internet zur Bedeutung dieses Wortes sagt.
Die Etiketten-Falle am deutschen Arbeitsmarkt
Laut gängigen Definitionen ist eine Aushilfe eine Person, die lediglich vorübergehend und für einen streng begrenzten Zeitraum in einem Unternehmen einspringt. Sinn und Zweck dieser Position ist es, die bestehende Belegschaft kurzzeitig zu unterstützen oder personelle Engpässe zu überbrücken.
War ich eine solche temporäre Kraft, als ich meine Stelle im Hotel antrat? Ganz klar: Nein!
In meinem Arbeitsvertrag fand sich kein einziger Hinweis auf eine zeitliche Befristung oder einen vorübergehenden Einsatz. Auch in den persönlichen Gesprächen signalisierte mir niemand, dass meine Anwesenheit nur von kurzer Dauer sein sollte. Im Gegenteil: Als ich die Stelle annahm, sprachen wir ausschließlich über eine langfristige Festanstellung und eine dauerhafte Zukunft im Unternehmen.
Hier zeigt sich das grundlegende Problem: In Deutschland wird der Begriff „Aushilfe“ oft missbraucht, um qualifizierte Fachkräfte in eine Schublade zu stecken, die weder ihrer Verantwortung noch ihrer tatsächlichen Vertragssituation entspricht. Man nutzt eine Bezeichnung, die nach „ein bisschen aushelfen“ klingt, erwartet aber vollen Einsatz, fachliche Expertise und dauerhafte Loyalität.
Wenn die Tätigkeit zur dauerhaften Säule des Betriebes wird, ist die Bezeichnung „Aushilfe“ nicht nur unpassend – sie ist eine bewusste Unterbewertung der geleisteten Arbeit. Wer langfristig plant und fest im Dienstplan steht, ist keine Aushilfe. Er ist ein fester Bestandteil des Erfolgs.
Allerdings war ich nicht so wichtig wie die Festangestellten. Na ja – ich war ja nur eine Aushilfe. Nun verstehe ich, was das wirklich bedeutet. Am Anfang habe ich mich unwohl bei der Arbeit gefühlt. Ich dachte: ,,OMG, wie unfreundlich sind die Deutschen eigentlich?!“ Da wurden mir die kulturellen Unterschiede sehr klar. Ich sah, wie unterschiedlich wir zueinander waren. Die waren, ich meine die Kollegen, nicht unfreundlich. Es war die Stelle, die ich zu dem Zeitpunkt hatte. Aushilfen sind scheinbar unwichtige Angestellte, die in einem Unternehmen arbeiten. Leider werden die Festangestellten dich so behandeln; wie einen unwichtigen Teil des Teams.
Wenn Einsatz nicht zur Zugehörigkeit führt
Es ist rückblickend kaum zu fassen. Ich war Tag für Tag vor Ort – stets pünktlich, voller Wissensdurst und ohne einen einzigen Fehltag. Im Grunde war ich eine ganz gewöhnliche Mitarbeiterin auf Basis einer geringfügigen Beschäftigung. Ich habe nicht nur meine Pflicht erfüllt, sondern oft auch die mühseligen Aufgaben übernommen, vor denen sich das Stammpersonal gerne drückte. Die sprichwörtliche „Drecksarbeit“ blieb an mir hängen, und ich erledigte sie klaglos.
Doch trotz all dieser Bemühungen blieb ich eine Außenseiterin.
Ich war niemals ein echter Teil der Gemeinschaft. Dieser Zustand war zutiefst ermüdend und zehrte an meinen Kräften. Damals suchte ich die Schuld bei mir oder vermutete soziale Unterschiede als Ursache für diese Distanz. Ich glaubte, es läge an meiner Herkunft, meinem Stand oder meiner persönlichen Art.
Heute, einige Jahre später, sehe ich das Bild deutlich klarer. Durch meine gesammelten Erfahrungen und den Austausch mit vielen anderen Menschen ist mir ein Licht aufgegangen: Es war die Bezeichnung „Aushilfe“, die das eigentliche Problem darstellte. Dieses Wort fungiert wie ein Stempel, der den Wert einer Person im Betrieb sofort herabsetzt. Wer als „Aushilfe“ geführt wird, gilt in den Köpfen vieler als ersetzbar, als Randerscheinung, die nicht zur Kernmannschaft gehört.
Mein Fazit ist heute eindeutig: Die Sprache bestimmt das Miteinander. Wer Menschen als bloße Aushilfen betitelt, nimmt ihnen den Platz am Tisch, noch bevor sie ihre Arbeit überhaupt aufgenommen haben. Es war nicht mein Unvermögen, es war eine Etikettierung, die echte Zugehörigkeit von vornherein verhinderte.
Nur eine Aushilfe? Gleiche Arbeit, halbe Rechte?
Unfassbar, oder? Ich war ja da – bin pünktlich zur Arbeit gekommen, war lernwillig und ich habe nicht mal einen Tag blau gemacht. Ich war im Großen und Ganzen eine normale Mitarbeiterin auf Minijobbasis. Sogar habe ich ab und zu mal die Drecksarbeit gemacht, die die Festangestellten nicht machen wollen. Trotzdem war ich wirklich kein Teil des Teams. Seufz… es war echt sehr ermüdend. Als dies alles passierte, dachte ich nur, dass die sozialen Unterschiede dafür verantwortlich waren – mir ist nie aufgefallen, dass eventuell die Bezeichnung „Aushilfe“ das Problem sein könnte. Das ist mir nun, ein paar Jahre später, klar geworden. Durch Erfahrungen sowie die Erzählungen anderer bin ich zu diesem Fazit gekommen.
Manchmal, wenn du ein Ziel hast, ist der „Lärm“ fast unwichtig – ich meine, dass alles andere, was nicht gut lief, mich zwar störte, aber es war mir wirklich egal. Ich wollte arbeiten, Deutsch lernen und weiterkommen. In diesem Prozess gibt es in der Regel solche Erlebnisse. Also habe ich meine Situation so akzeptiert, wie sie war. Seufz…..
Du machst dieselbe Arbeit wie die Festangestellten, aber du wirst in fast allen Fällen anders behandelt. Wenn du Pech hast, wirst du auch gemobbt werden – nach dem Motto: Du bist eine einfache Kraft und du hast andere Rechte, die für die Festangestellten nicht gelten. Du hast theoretisch „halbe Rechte“ und du wirst nie so behandelt werden, als ob du ein wichtiger Teil des Teams bist. Vielleicht ist dies nur eine einzelne Erfahrung gewesen. Ich zweifle daran aber; vielleicht hast du bessere Erfahrungen gemacht und ich spinne ja nur. Falls ja, erzähl… es wird mich sehr interessieren.
Die unsichtbare Rangordnung
Ich habe sogar Geschichten gehört, wobei die Aushilfen zu Firmenveranstaltungen nicht eingeladen wurden, nach dem Motto, Aushilfen sind keine ,,richtigen Arbeitskräfte“ – dies finde ich echt dreist. In Hotels musst du echt Glück haben, um deine Teilhabe am Trinkgeld zu kriegen. Es ist nicht nur der Chef, der dich als unwichtig sehen wird, das ganze Team wird dich so sehen – in Ausnahmefällen findest du einen Mitarbeiter oder zwei, die dich als Kollegen mit gleichen Rechten sehen werden. Also wirst du vielleicht nicht mit Absicht ausgegrenzt. Du hast nur die falsche Bezeichnung für deinen Job. Die Hierarchie dieser Bezeichnung kann dich entweder entmutigen oder zum Mobber machen. Nach dieser Erfahrung habe ich dies festgestellt. Ich liste mal die Hierarchie in einer Reihenfolge auf:
- Chef
- Festangestellte
- Teilzeitkräfte
- Auszubildende
- Aushilfe/Minijobber
- Praktikant
Meiner Recherche bzw. Erfahrung zufolge hat der Praktikant es schwieriger als alle anderen. Die Position als Praktikant im Unternehmen ist höchstwahrscheinlich die schlimmste Position, die du jemals kriegen kannst. Glaubst du mir nicht? Frag mal jemanden, der ein langes Praktikum irgendwo im Unternehmen gemacht hat. Hä hä, ich habe selbst schon eins gemacht, aber bevor ich über meine Erfahrung als Praktikantin schreibe, musst du dich erstmal bei den anderen erkundigen. Vielleicht spinne ich schon wieder – hä hä. Zumindest konnte ich etwas Deutsch sprechen, auf B1-Niveau.
Wenn Qualifikation an der Sprache scheitert
Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie sich diese Erfahrung anfühlt, wenn man die deutsche Sprache noch nicht beherrscht oder die mühsam erworbenen Bildungsabschlüsse hierzulande noch nicht – oder gar nicht – anerkannt wurden. Ich stelle mir diesen Weg unbeschreiblich mühsam vor.
Woran das liegt? Wir alle machen vollkommen unterschiedliche Erfahrungen in diesem Land, doch eines eint die Berichte vieler Zuwanderer: Ohne gefestigte Deutschkenntnisse gleicht der Alltag für einen gewöhnlichen Menschen einem Hindernislauf. Es ist beinahe unmöglich, sich im Dickicht aus Vorschriften, Verträgen und zwischenmenschlichen Erwartungen zurechtzufinden.
Es scheint fast so, als gäbe es nur zwei Ausnahmen, die diesen harten Aufprall abmildern können: Entweder man hat das große Glück, bereits vor der Ankunft eine feste Anstellung sicher zu haben, oder man verfügt über den Rückhalt einer sehr wohlhabenden Familie. Für alle anderen bedeutet das Fehlen der Sprache oft den sozialen Abstieg auf Zeit – man wird in Tätigkeiten gedrängt, die weit unter dem eigenen Können liegen, nur weil die Worte fehlen, um sich zu behaupten.
Die fehlende Anerkennung der eigenen Lebensleistung im Ausland, gepaart mit der Sprachbarriere, macht einen angreifbar. Man wird nicht als die Fachkraft gesehen, die man eigentlich ist, sondern lediglich als jemand, der einfache Handreichungen erledigt. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Herausforderung, sondern ein Angriff auf die eigene Würde.





